Die Nationalmannschaften und ihre Herausforderungen

Nationalmannschaften spielten und spielen für den AFVD eine sehr wichtige Rolle. Für die besten Spieler ist die Berufung in eine Nationalmannschaft ein über lange Jahre ehrgeizig Verfolgten Ziel und am Ende eine verdiente Belohnung und Auszeichnung ihrer sportlichen Leistungsfähigkeit. Für die zunehmende Akzeptanz der Sportart in den letzten Jahrzehnten war es zudem gerade in Deutschland sehr hilfreich, erfolgreiche Nationalmannschaften aufbieten zu können. Gewonnene Titel bei World Games und Europameisterschaften ließen auch eine breitere Öffentlichkeit erkennen, welch hochwertige sportliche Leistungen im deutschen American Football erbracht werden. Erfolgreich ausgerichtete WM- oder EM-Turniere waren zudem für Zuschauer weitere Höhepunkte eines Football-Jahres neben dem German Bowl.

Allerdings ist der Betrieb von Nationalmannschaften auch kostenintensiv, denn natürlich soll auch die Qualität der Vorbereitung in Trainingslagern und Auswahl-Camps stimmen. Es liegt in der Natur der Sportart, dass die jährliche Anzahl von Länderspielen nie so hoch sein kann wie in anderen Mannschaftssportarten. Dies begrenzt die Refinanzierungsmöglichkeiten selbst bei einer Nationalmannschaft der Herren über Zuschauer- oder  Sponsoreneinnahmen. Da American Football derzeit nicht vom Bund finanziell gefördert werden kann, müssen die Nationalmannschaften entweder durch die Gesamtheit aller Aktiven im AFVD „subventioniert“ werden, von den Vereinen oder von den Nationalspielern selbst.

In der Vergangenheit gab es eine „Mischform“ bei der Finanzierung: Der Verband übernahm den größten Teil der Kosten (letztlich aus den Beiträgen aller Vereinsmitglieder oder Einnahmen aus dem German Bowl), einige Vereine unterstützten ihre Nationalspieler nach Kräften mit Zuschüssen (aus ihren Mitgliedsbeiträgen oder Zuschauereinnahmen). Die nominierten Nationalspieler selbst mussten allerdings dennoch einen Eigenanteil aufbringen. Besonders wenn es um die Teilnahme an internationalen Turnieren ging, bei denen die Teilnahmegebühr des Weltverbandes bis in sechsstellige Bereiche gehen kann – zuzüglich Anreisekosten.

Dieser Eigenanteil ist eine für alle Seiten unbefriedigende Lösung: Der Verband tritt gegenüber seinen besten Spielern als Aussteller von Rechnungen in Erscheinung, manch ein Spieler kann eventuell die Zahlungen nicht leisten. Es gibt für diese Fälle Härtefallregelungen, und kein Spieler soll durch solche nicht-sportliche Gründe um eine Berufung in die Nationalmannschaft gebracht werden. Ebenfalls existieren in vielen Bundesländern oder Kommunen für solche Fälle zwar Förderprogramme für einzelne Sportler. Die Beratung des einzelnen Athleten seitens des Bundesverbandes müsste in Zukunft sicherlich stärker auch auf diese Möglichkeiten hinweisen. Auch wenn es gerade bei den lokal ausgerichteten Förderungen schwer ist, einen bundesweiten Überblick herzustellen.

Grundsätzlich läuft es dem Sinn der Sache, dass eine Berufung auch eine Auszeichnung für die Leistung des Spielers sein soll, entgegen, dass er sich in solchen Situationen als „Bittsteller“ fühlen könnte. Die Eigenanteile sind und bleiben aber notwendig, um einen Teil der Kosten zu decken. Anderswo ist dies noch extremer: Die Reisen australischer Nationalmannschaften nach Europa zu WM-Turnieren etwa haben stets sämtliche Nationalspieler Australiens mit mehreren Tausend Euro pro Kopf selbst bezahlt.

In den letzten Jahren ist durch die Situation im Weltverband IFAF eine Teilnahme deutscher Nationalmannschaften an internationalen Wettbewerben nicht möglich gewesen. Dies wird sich nach der Corona-Pandemie wieder ändern. Während der Pause der letzten Jahre hat der AFVD zwar die Möglichkeit eines jährlichen Freundschaftsspieles gründlich immer wieder geprüft, letztlich aber entschieden, solche Spiele nicht auszutragen. Auch solche Spiele hätten nur stattfinden können, wenn erneut Aktiven Eigenbeteiligungen abverlangt worden wären. Es gibt zudem einen Trend im internationalen Sport, der inzwischen – glücklicherweise – nach und nach auch im AFVD sichtbar wird: Die wachsende wirtschaftliche und sportliche Bedeutung des Vereinsspielbetriebs, im German American Football durch die GFL, limitiert die Zeitfenster für Länderspiele immer mehr. 2018 scheiterte eine Teilnahme der deutschen Football-Nationalmannschaft an internationalen Turnieren bereits daran, dass die GFL-Vereine bis Januar Planungssicherheit für ihre Saison haben wollten.

Bis zu diesem Zeitpunkt waren im Weltverband aber noch keine Termine festgelegt. Auch die WMs 2015 und 2019 wurden seitens der IFAF kurzfristig verlegt beziehungsweise abgesagt. Die GFL ist auf ihrem Weg der Professionalisierung inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem nicht mit Vorlauf nur weniger Wochen oder Monate komplett geplante Spieltage abgesagt werden könnten.

Aufrecht erhalten wurden vom AFVD allerdings auch in den letzten Jahren möglichst viele Sichtungsmaßnahmen, sodass einem schnellen Neustart der Nationalmannschaften aus dieser Richtung nichts im Wege steht. Priorität besaß dabei zunächst der Jugendbereich, nicht zuletzt wurde das U17-Jugendauswahlturnier, das als Vorstufe zur U19-Nationalmannschaft auch die Funktionen einer Sichtung erfüllt, weiter durchgeführt (abgesehen vom Corona-Jahr 2020).

Auch im Herrenbereich gab es weiter Maßnahmen, die auf Top-Spieler zugeschnitten waren und die in gewissem Sinne auch als Fortführung von Nationalmannschafts-Maßnahmen gesehen werden müssen. Das sportliche Ziel, deutscher Nationalspieler zu werden, ist nämlich nur eines von vielen möglichen, das sich leistungsbereite, junge Spieler deutscher Vereine setzen können. Viele träumen von einer Profi-Karriere in Nordamerika oder einem Sportstipendium an einer US-Universität, zumindest vielleicht von ein oder zwei Jahren an einer High School.

Als Bundesverband ist der AFVD prinzipiell natürlich dafür zuständig, dass in deutschen Vereinen ausgebildete Spieler auch in Deutschland Football spielen. Dennoch muss anerkannt werden, dass dies legitime individuelle Ziele sind, die bei dem einen oder anderen vielleicht auch der größere Traum sind, als in einer deutschen Nationalmannschaft zu spielen.

Auch vor diesem Hintergrund ist die 2019 begonnene Kooperation des AFVD und der GFL mit der kanadischen Profi-Liga CFL zu sehen. Das zur Vorbereitung auf das Sichtungstraining der CFL in Kanada durchgeführte Tryout in Köln etwa erfüllte ähnliche Zwecke wie ein Tryout für eine deutsche Nationalmannschaft. Wegen der Corona-Pandemie konnten die deutschen Spieler schließlich 2020 nicht nach Kanada reisen. Im Jahr 2019 allerdings waren die Teilnehmer am CFL Combine vom AFVD-Leistungssportdirektor und Nationalmannschaftsarzt nach Toronto begleitet worden, um ihnen dort optimale Betreuung und Versorgung zu gewährleisten, was mithalf, einigen letztlich Profi-Verträge zu verschaffen. Am Rande: Die CFL akzeptiert auch die Ausbildungsleistung deutscher Vereine und leistet für jeden verpflichteten Spieler eine finanzielle Kompensation an dessen Heimatverein. Insgesamt ersetzt dieses Programm natürlich nicht den Aufbau und Unterhalt einer kompletten Nationalmannschaft. Für einige der Top-Spieler, ihre Heimatvereine und damit auch den deutschen Football insgesamt ist es allerdings ein mindestens ebenso gut geeignetes Mittel, sportliche Ziele zu erreichen.

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American Football Verband Deutschland